Short Story Task (SST) - Screening für Leseratten

Hallo zusammen,

vor ungefähr einem halben Jahr hat meine Autismuspsychologin mich eingeladen, an einem Test teilzunehmen, bei dem man ganz simpel nur eine Kurzgeschichte lesen und anschließend Fragen zum Text beantworten soll. Und je nachdem, wie der Proband antwortet, kann der Testleiter Anzeichen für Autismus erkennen. Natürlich ist dieser Test auf keinen Fall ein Ersatz für eine offizielle Diagnostik, bei dem verschiedene Fragebögen und Verhaltensbeobachtungen zum Einsatz kommen. Eher eignet sich der Short Story Test als Screening - wie z. B. auch das Videointerview, zu dem ich in einem früheren Beitrag schon mal geschrieben habe. Ich lese sehr gern und freue mich immer, wenn ich mit einer Teilnahme ein bisschen dazu beitragen kann, dass Fachpersonal etwas mehr über Autismus erfahren. - Also: ran an den Text. 

Natürlich eignet sich nicht jeder x-beliebige Text und man bekommt auch im Vorfeld des Tests nicht gesagt, welchen Text man zu lesen bekommt, weswegen ich jetzt hier auch nicht den Autor und die konkrete Geschichte nenne, damit euer Ergebnis nicht verfälscht wird, wenn ihr den Test mal macht. Nur vielleicht kurz: es ist eine Kurzgeschichte eines relativ berühmten Schriftstellers. 

Obwohl ich wirklich gern und viel lese, habe ich mich mit der Kurzgeschichte extrem schwergetan und bin aus dem gedanklichen Kopfschütteln gar nicht mehr rausgekommen. Meine Gedanken waren die ganze Zeit: "Wen interessiert das jetzt? Worum geht es hier eigentlich? Was sind das für komische Gespräche?!" Und als meine Psychologin mir anschließend Fragen zum Text gestellt hat, hat sich die Verwirrung jetzt auch nicht gerade verbessert. Ganz im Gegenteil - sie hat mir Fragen gestellt, bei denen ich gedacht habe: "Hä?? Stand das überhaupt im Text?" Sie hat mir später schmunzelnd erklärt, dass die meisten Neurotypen die Antworten auf diese Fragen durchaus relativ leicht aus dem Text herauslesen können und auf die Fragen auch deutlich anders antworten würden, als ich das getan habe. 

Wenn man als Autist / Autistin diesen Text liest und anschließend die Fragen beantwortet, könnte man annehmen, dass man ein grottenschlechtes Textverständnis hat und besser noch mal zurück auf die Schulbank sollte. Aber ich kann euch beruhigen - es liegt nicht an eurer Lesekompetenz, sondern am Schreibstil des Autors, den autistische Gehirne nicht gut verarbeiten können. Bei den Texten dieses Autors muss man extrem gut "zwischen den Zeilen" lesen können. Der Schriftsteller arbeitet mit Sprachbildern, Stimmungen (welche er durch ausschweifende Beschreibungen der Umgebung zu erzeugen versucht) und er geht davon aus, dass der Leser erkennt, dass hinter den Aussagen der Charaktere eigentlich etwas anderes steckt, als das, was sie da sagen. 

Stichwort an der Stelle: "Theory of Mind: Das ist die Fähigkeit, intuitiv zu verstehen, dass andere Menschen eine eigene Innenwelt mit ganz persönlichen Gedanken, Gefühlen und Absichten haben, die sie nicht immer laut aussprechen."

Bei der Kurzgeschichte wird genau das geprüft: Neurotypische Leser nutzen diese „soziale Brille“ ganz automatisch, um die versteckten Motive der Figuren zu sehen, während autistische Gehirne eher an den sachlichen Fakten des Textes hängen bleiben und sich deshalb fühlen, als müssten sie „hellsehen“, um die Fragen des Testleiters zu beantworten. Man spricht hier auch vom Eisberg-Modell. Nur 1/8 des Inhalts steht im Text tatsächlich drin, 7/8 sind zwischen den Zeilen versteckt. Als Mensch mit Autismus fehlt die "soziale Brille" häufig, entsprechend ist es also eigentlich völlig logisch, dass die 7/8 auf die die Fragen der Testleitung abzielen, unlogisch erscheinen. Die Informationen fehlen uns tatsächlich, weil wir nur die Eisscholle sehen, während der Neurotyp einen eingebauten Unterwasserblick hat.  

Wichtig noch mal zu erwähnen: Autisten sind nicht komplett gleich, jeder Mensch hat eigene Stärken und Schwächen, deswegen ersetzt dieser Short-Story-Test ja auch keine ausführliche Diagnostik, aber wenn das Gegenüber nach dem Lesen dieser Kurzgeschichte hundert Fragezeichen in den Augen hat und auf die Fragen des Diagnostikers eher irritiert reagiert, weil er glaubt, man müsse hellsehen können, um diese beantworten zu können, DANN hat der Testleiter schon mal ein gutes Indiz dafür, dass eine Autismus-Spektrum-Störung vorliegen könnte... :-)

Habt einen schönen Tag!
Anne

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