Psychoedukation - warum sie gerade bei Autismus besonders wichtig ist

Hallo ihr Lieben!

Heute möchte ich euch einen klassischen Bestandteil von Psychotherapie vorstellen, der gerade für Menschen mit Autismus besonders wichtig ist: die Psychoedukation. Was ist Psychoedukation? In einfachen Worten handelt es sich bei dieser Maßnahme darum, dass der Psychologe, Arzt oder Psychotherapeut seinem Klienten wichtige Informationen über die jeweilige psychische Erkrankung vermittelt. Den Begriff kennt man auch aus der Medizin, wenn es dem Aufklärenden darum geht, dem Patienten zusätzlich zu den Informationen über die Erkrankung auch den Umgang mit den psychischen Belastungen, die damit einhergehen, zu vermitteln. Aber was wird bei der Psychoedukation (wir bleiben jetzt mal bei psychischen Erkrankungen) denn eigentlich vermittelt? Hier mal einige Themen, die bei Autismus vermittelt werden (nicht abschließend!). Hier ist es sinnvoll, wenn wir nach den entsprechenden Adressaten unterscheiden. 

Eltern:

- Warum hat das Kind Autismus? Wurde in der Erziehung etwas falsch gemacht? In der Schwangerschaft? (Spoiler: nein. Autismus ist kein Erziehungsfehler und wird auch nicht durch schädliche Substanzen oder Verhaltensweisen in der Schwangerschaft verursacht.)

- Wie kann ich mein Kind gezielt fördern?
- Ist Autismus heilbar? (Nein.)
- Wie reagiere ich auf Meltdown / Shutdown / Reizüberflutung?
- Wie kann ich einen "normalen" Wutanfall von einem Meltdown unterscheiden?
- Welche Schulart ist am besten für mein Kind geeignet?
- Welche Therapien gibt es?
- Wie kann ich mein Kind im Alltag möglichst gut unterstützen?
- Wie kann ich das Verhalten meines Kindes besser einordnen?
- ...

Lehrer und Erzieher:

- Welche Maßnahmen können meinem Schüler helfen, besser zurecht zu kommen?
- Wie kann ich die Klassenkameraden / anderen Kinder für die Besonderheit sensibilisieren?
- Was sind störungsspezifische Schwierigkeiten auf die ich achten muss?
- Welche kommunikativen Maßnahmen kann ich anwenden, damit mich das Kind besser versteht?
- Wie kann ich dem Kind Sicherheit im Tagesverlauf geben? (z. B. durch Tagespläne)
- ...

Betroffene selbst:

- Bin ich geistig behindert? Psychisch krank? Was ist Autismus überhaupt?
- Wie sinnvoll ist es, mein Umfeld über den Autismus aufzuklären? 
- Wie schaffe ich es, meine Energie über den Tag hinweg gut aufzuteilen, um Reizüberflutungen, Meltdown oder Shutdowns möglichst zu verhindern?
- Sollte ich Stimming unterdrücken? Wenn ja, in welchen Situationen? Wofür ist Stimming gut?
- Warum fallen mir manche Dinge so schwer, die für andere völlig normal sind?
- Welche Hilfen gibt es für mich? (z. B. Ergotherapie, Psychotherapie, Selbsthilfegruppen)
- Gibt es Gleichgesinnte? Oder bin ich alleine mit meinen Problemen / Besonderheiten?
- Welche Hilfsmittel helfen anderen Betroffenen? (z. B. Ohrenstöpsel, Sonnenbrille, ...)
- Was kann ich tun, um psychisch stabil zu bleiben? 
- Welche Warnsignale kann ich bemerken, bevor es zu den problematischen Zuständen kommt?
- Was kann ich bei plötzlichen Planänderungen tun?
- Wie erkenne ich, wie es meinen Mitmenschen geht? 
- ...

Warum ist die Beteiligung des Umfelds an der Psychoedukation so wichtig?

Kernsymptome des Autismus sind: Schwierigkeiten bei sozialen Interaktionen (Kommunikation, Interpretation der Körpersprache, Probleme beim Wahrnehmen von Emotionen und Befinden des Gegenübers, ...), Schwierigkeiten mit Veränderungen und Probleme mit der Reizverarbeitung. Was fällt auf? Alle Kerneigenschaften des Autismus wirken sich auf die Umwelt des betroffenen Menschen aus. Menschen aus dem Autismus-Spektrum sind, um einigermaßen gut durchs Leben zu kommen, darauf angewiesen, dass ihre Mitmenschen Verständnis haben und sich ihnen entgegenkommend zu verhalten. Wenn das Umfeld sie (Achtung Sprachbild) auflaufen lässt, haben sie keine Chance, den Alltag irgendwie ohne psychisch zu erkranken, irgendwie unbeschadet zu durchleben. Das klingt vielleicht jetzt hart, aber dadurch, dass sich betroffene Personen so schwertun, das Verhalten ihrer Mitmenschen zu verstehen und permanent mit den Reizen aus ihrer Umwelt überflutet werden, geht es ohne die Unterstützung des Umfeldes einfach nicht. Versteht mich nicht falsch - man kann mit Autismus gut leben, aber nur, wenn man sich ein Umfeld schafft, in dem es einem gut geht. Und dazu zählt auch, dass die Mitmenschen um die Besonderheiten des Autismus wissen und sich entsprechend verhalten.

Warum profitieren autistische Menschen so stark von Psychoedukation?

Wie im vorherigen Abschnitt beschrieben, wirkt sich das Störungsbild auf den kompletten Alltag des betroffenen Menschen aus. Gleichzeitig erleben sie immer wieder, dass sie irgendwie anders sind, als die restlichen Menschen aus ihrem Umfeld. Wenn ihnen nicht erklärt wird, dass die Ursache für diese Schwierigkeiten eine neurologische Besonderheit ist, die man offiziell diagnostizieren kann und wie sich diese Besonderheit auf den Alltag auswirkt, glaubt der Betroffene irgendwann, dass er einfach irgendwie total inkompetent ist und sich einfach nur blöd anstellt oder zu übersensibel ist und sich nur mal zusammenreißen müsste. Das ist total frustrierend und führt nicht selten dazu, dass die Betroffenen über kurz oder lang zum Beispiel an Depressionen erkranken. 

Gleichzeitig benötigen sie Anleitungen und Hilfestellungen wie sie mit ihren störungsspezifischen Schwierigkeiten umgehen können. Das Wissen über den Autismus und die dazugehörigen Symptome hilft natürlich noch nicht weiter - wenn man Lösungsstrategien hätte, hätte man sie ja auch schon vor der Diagnosestellung angewandt. Auch ist es wichtig, ihnen die eigenen Stärken bewusst zu machen. Autismus ist nicht nur eine Behinderung - er kann auch dazu führen, dass bestimmte Aktivitäten besonders gut zu meistern sind, bei denen die Neurotypen dagegen Probleme haben. Psychoedukation ist bei Autismus besonders deswegen wichtig, weil der Selbstwert gestärkt wird. Du bist nicht komisch - du verarbeitest die Umwelt nur anders, aber es gibt Lösungen, um dir zu helfen. 

Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Überblick über diese therapeutische Maßnahme verschaffen und aufklären, weswegen man dieses Angebot unbedingt wahrnehmen sollte, wenn es einem gemacht wird. Nur weil man schon sein ganzes Leben lang mit Autismus durch die Welt geht, weiß man nicht automatisch, wie man mit den Herausforderungen des Alltags umgehen kann. Aber genau das ist bei Autismus unbedingt erforderlich - Betroffene müssen Experten für ihren eigenen Autismus werden, um psychisch gesund zu bleiben und ein glückliches Leben zu führen, ohne sich permanent zu überfordern. 

Anne

Kommentare