Autismus und Arztbesuche


Guten Tag,

kennt ihr die T-Shirts "Ich habe Autismus - was ist deine Superkraft"?  Sie zielen darauf ab, dass viele autistische Menschen ausgeprägte Sinne haben und bestimmte Dinge extrem gut können (z. B. haben sie einen sehr ausgeprägten Blick für Details, sie haben eine andere Sicht auf die Dinge, etc.). Aber was Autismus auch immer für Stärken mit sich bringt - vor Krankheiten sind auch wir nicht gefeit. Auch Menschen im Autismus-Spektrum sind manchmal gezwungen, die Unterstützung der freundlichen Damen und Herren in weiß, in Anspruch zu nehmen. Was für viele Neurotypen meist unangenehm ist (wer geht schon gern zum Arzt), kann für autistische Menschen unglaublich anstrengend und herausfordernd sein. Heute möchte ich erklären, woran das liegt und Tipps geben, wie man Arztbesuche für Autisten so "angenehm" wie möglich gestalten kann. 
  • Viele Autisten haben Probleme mit körperlichen Berührungen. 
Autismus bringt häufig eine sensorische Überempfindlichkeit mit sich. Das bedeutet, dass Berührungen auf der Haut (sei es mit Kleidungsstücken oder das berühren von Menschen) ungefähr 3x so stark im Gehirn ankommen, als das bei neurotypischen Menschen der Fall ist. Es kann sein, dass leichtes über die Haut streichen, sich so anfühlt, wie wenn tausend Ameisen darüber krabbeln. Oder es wirkt wie kleine Nadelstiche. (Wie genau es sich für jeden einzelnen Autisten anfühlt ist natürlich individuell. Bei mir ist es zum Beispiel nicht ganz so schlimm. Ich finde es nur sehr unangenehm, wenn ich berührt werde. Nur kraulen - das ist der Traum schlechthin. 😉) Ein unangenehmer Gedanke oder? Nun bleiben Berührungen bei manchen Untersuchungen aber natürlich nicht aus. Gerade wenn Verletzungen versorgt werden oder z. B. der Bauch abgetastet wird, ist der Mediziner natürlich gezwungen, seinen Patienten zu berühren. Wie kann man das Dilemma lösen? 

- Berührungen so gering und kurz wie möglich gestalten

Viele ÄrztInnen haben die Angewohnheit den Patienten ihre Hand auf die Schulter zu legen, wenn sie sie zum Beispiel abhören. Schon alleine das kann man weglassen. Für manche Menschen im Autismus-Spektrum ist es auch deutlich erträglicher, wenn sie sich selbst berühren, als wenn fremde das tun. Zum Beispiel langes Haar zur Seite streifen, wenn der Doc ins Ohr schauen muss - das machen viele Ärzte selbst, es kann aber auch logischerweise genauso gut von dem Autisten selber weggemacht werden. Wieder eine unnötige Berührung weniger. Oder desinfizieren bevor Blut abgenommen wird - Tupfer in die Hand geben, los gehts. Wenn man ihn verbal ein bisschen anleitet, wo er überall mit dem Tupfer drüber soll, und schon funktioniert das hervorragend. Bei jüngeren Autisten kann es auch hilfreich sein, wenn der Angehörige solche Aufgaben wahrnimmt. Mich dürfen zum Beispiel auch nur Angehörige und sehr ausgewählte Freunde umarmen, dasselbe gilt für Berührungen vermutlich auch bei vielen anderen Autisten. 

- immer ankündigen

Was sehr helfen kann: die notwendigen Berührungen vorher ankündigen. "Ich berühre dich jetzt an der Schulter und mache jetzt XYZ." Je besser sich der Autist darauf einstellen kann, desto erträglicher wird es für ihn, weil er sich nicht auch noch zusätzlich erschreckt. 
  • Volle Wartezimmer sorgen für Stress.
Viele Autisten haben eine Reizfilterschwäche, das bedeutet, dass sie fast alle Reize in derselben Intensität wahrnehmen und schlecht unwichtiges von wichtigem unterscheiden können. Ein Wartezimmer mit vielen anderen Menschen, bei denen jeder auf seine Art irgendwelche Geräusche macht, kann somit schnell sehr anstrengend werden, bzw. für eine Reizüberflutung sorgen. Keine gute Ausgangsbasis wenn dann später beim Arztgespräch noch weitere Reize drauf kommen. Was kann helfen? 

- Termine am Anfang oder Ende der Sprechzeit geben lassen. (dann ist es ja meist leerer)

- Der Autist könnte nach der Anmeldung die Praxis noch mal verlassen und wiederkommen, wenn er dann wirklich dran kommt. (Man könnte ihn z. B. per SMS benachrichtigen oder ihm vorab eine Zeit sagen.)

- Es gibt bestimmt Bereiche in der Praxis, die nicht so voll sind (z. B. der Flur).
 
  • Viele Arztpraxen sind nur telefonisch zu erreichen und überhaupt läuft vieles mündlich ab.
Einige Menschen im Autismus-Spektrum haben Probleme zu sprechen, wenn sie aufgeregt sind. Von telefonieren ganz zu schweigen. Es würde vielen Autisten extrem helfen, wenn sie die Praxis auch per Mail oder Fax kontaktieren könnten um Termine zu vereinbaren oder Absprachen zu treffen. 

Auch beim Arztgespräch direkt kann es unglaublich sinnvoll sein, wenn dem Autisten ermöglicht wird, mit Stift und Papier zu kommunizieren. Durch die Aufregung kann vieles auf dem Weg "Kopf - Mund" verloren gehen, sodass dann auch dem Arzt wichtige Informationen fehlen. Dann doch lieber die Geduld aufbringen und den Autisten das, was er sagen möchte, aufschreiben lassen! 

Da manche Autisten mündliche Fragen nicht so schnell verarbeiten können, kann es zusätzlich hilfreich sein, wenn der Arzt die Fragen ebenfalls aufschreibt. Papier ist geduldig - die Information steht auch 10 Sekunden später noch auf dem Papier, der Autist kann die Information also in seinem eigenen Tempo verarbeiten und darauf reagieren. 


Weitere wichtige Hinweise/Tipps für ÄrztInnen

- Vielen Autisten merkt man nicht unbedingt an, dass sie krank sind!

Neurotypischen Menschen sieht man in der Regel sehr deutlich an, dass sie krank sind, weil die meisten eine Art leidenden Gesichtsausdruck an den Tag legen, gedämpfter sprechen, etc. Das ist bei vielen Autisten aber nicht der Fall! Ganz viele wirken richtiggehend normal, weil sie weniger Mimik verwenden und möglicherweise nicht "jammern". Sie sagen z. B. in einem normalen Tonfall "Ich habe übelste Halsschmerzen". Ich habe schon häufiger erlebt, dass man dann gesagt hat "Naja, so schlimm wirds ja wohl nicht sein, du wirkst doch gar nicht so krank." Dann war ich beim Arzt und es wurde z. B. eine Grippe festgestellt. Lassen Sie sich davon bitte nicht täuschen! 

- Nehmen Sie es dem Autisten nicht übel, wenn er den normalen Verhaltenskodex nicht anwendet.

Sie werden es bei den wenigsten Patienten im Autismus-Spektrum erleben, dass sie Ihnen beim Gespräch in die Augen schauen oder zur Begrüßung zum Beispiel die Hand geben. Das tun sie nicht, weil sie Sie nicht wertschätzen, sondern weil es ihnen einfach wesentlich schwerer fällt, als nichtautistischen Menschen. Der Hinweis sei erlaubt: viele können ihrem Gesprächspartner wesentlich besser folgen, wenn sie nicht die für sie verwirrende Mimik mit im Blick haben. 

- Verwenden Sie klare Sprache. 

Menschen im Autismus-Spektrum nehmen Sprache in der Regel wortwörtlich auf. Sie können schlecht zwischen den Zeilen lesen. Ich hatte mal eine Ärztin, die Dinge gesagt hat, wie: "Es wäre gut, wenn Sie das Medikament nehmen./"Sie müssen nicht unbedingt jeden Tag die Werte messen, aber es wäre schon ganz gut."/... Was war das Ergebnis? Ich war ein paar Monate später bei einem anderen Arzt in derselben Praxis und es stellte sich heraus, dass es keine Handlungsempfehlungen waren, sondern eigentlich Pflicht-Programm war. Sie hatte es so schwammig ausgedrückt, dass ich gedacht habe, es wäre meine eigene Entscheidung, ob ich es tue oder nicht. War es aber mitnichten. Der andere Arzt hat die Aussagen seiner Kollegin dann noch einmal so übersetzt, dass ich sie auch als Pflicht wahrgenommen habe. Seit dem halte ich mich auch daran und meine Werte (ich habe Asthma) sind top. Vermeiden Sie Sätze, die wie Empfehlungen klingen, sondern sagen Sie ganz konkret, was Sie möchten. "Nehmen Sie 3x täglich Medikament X." / "Machen Sie keinen Sport. Spazieren gehen ist in Ordnung, als weitere ist für 14 Tage nicht erlaubt."... Ansonsten müssen Sie davon ausgehen, dass sich die Heilung möglicherweise zieht, weil Ihr Patient, sie möglicherweise falsch verstanden hat und entgegen ihren Rat gehandelt hat. Außerdem sollten Sie Sprichwörter/Ironie nach Möglichkeit vermeiden. 

- Fragen Sie konkret nach. 

Wie ich schon angedeutet habe, können manche Autisten wichtige Dinge nicht so gut von unwichtigen unterscheiden. Es kann also durchaus sein, dass sie bestimmte Symptome als nicht erwähnenswert betrachten, weil es möglicherweise nicht so stark ausgeprägt ist oder sie schon lange damit leben und schon daran gewöhnt sind. Dadurch gehen natürlich wichtige Informationen verloren... 

- Autismus bedeutet nicht unbedingt, dass eine Intelligenzminderung vorliegt. 

Autismus ist per se keine geistige Behinderung! Sie kann mit einer solchen Behinderung einhergehen, das ist bei vielen Autisten aber überhaupt nicht der Fall. Auch wenn der Autist nicht spricht, muss das nicht heißen, dass er nicht alles genauso gut versteht wie sprechende Autisten. Er steigt möglicherweise nur auf Zettel und Papier um. Sprechen Sie ganz normal mit dem Patienten im Autismus-Spektrum und gehen Sie erst einmal davon aus, dass er ganz normal mit Ihnen kommunizieren kann! Ich wurde neulich gefragt, ob ich den Bogen ausfüllen kann, den Neupatienten immer ausfüllen müssen. - Selbstverständlich kann ich das. Ich habe nur Autismus! Das war natürlich nicht böse gemeint, aber es fühlt sich immer nicht besonders schön an.  

- Überprüfen Sie beim Medikament verschreiben, ob es das Medikament in einer anderen Konsistenz gibt. 

Es gibt Autisten die z. B. bei der Nahrungsaufnahme bestimmte Konsistenzen nicht ertragen können. Ergo kann das Problem auch bei der Medikamenteneinnahme auftreten. Möglicherweise schafft es der Autist nicht, ein Dragee zu schlucken, weil sich die Plastikhülle auf der Zunge für ihn unerträglich anfühlt. Oder er kann eine Tablette nicht runter schlucken, weil sie zu groß ist. Oder, oder, oder. Fragen Sie den Autisten, ob er mit Medikamenteneinnahmen früher schon Probleme gehabt hat. Antibiotika zum Beispiel gibt es ja sowohl in Tabletten, als auch in flüssiger Form. Für mich war die flüssige Form immer "angenehmer", auch wenn sie sch... geschmeckt hat. Oder Hustenstiller: vielleicht lässt sich eine Brausetablette leichter trinken, als bitterer Hustensaft? Oder anders herum? Hier gilt es kreativ zu sein. (Selbstverständlich in soweit es überhaupt möglich ist. Wenn es gar nicht anders geht, müssen eben Lösungen her, wie auch das schwierige Medikament genommen werden kann.) Vielleicht haben Sie auch für Eltern autistischer Kinder den einen oder anderen Tipp, wie man das Medikament ein bisschen rein schmuggeln kann (z. B. lassen sich Tabletten besser schlucken, wenn man sie auf einen Löffel Pudding/Apfelmus legt und einfach mit schluckt.). 

Weitere Tipps für Autisten

- Nehmt einen Angehörigen/Freund/Person eures Vertrauens zu solchen Terminen mit.

Gerade bei Terminen, die voraussichtlich eher unangenehm werden bzw. bei Ärzten, bei denen man noch nie zuvor war, kann es sehr hilfreich sein, eine Vertrauensperson mitzunehmen, die euch sehr gut kennt und der ihr vertraut. Sie kann dem Arzt auch wichtige Informationen geben, wenn ihr gerade nicht in der Lage sein solltet, zu sprechen. Wichtig ist, dass ihr euch vorher mit der Person genau absprecht, wann sie eingreifen soll und was ihr lieber alleine klärt. 

- Nutzt Stimming-Spielzeug, hört Musik, etc.

Alles was euch beruhigt ist erlaubt. Natürlich sollte man immer darauf achten, dass man die anderen Patienten im Wartezimmer nicht zu arg nervt, aber zum Beispiel Musik mit Kopfhörern hören stört wirklich niemanden. Ein Fidgetspinner kann ein bisschen nerven, ist aber trotzdem erträglich. Ein Igelball kann fest aufgedrückt die Nervosität ein bisschen runter schrauben. Schaut was euch hilft, um so entspannt wie möglich in das Arztgespräch hineinzugehen. Ihr könnt getrost ignorieren, dass es möglicherweise peinlich ist oder andere Patienten komisch gucken. Das wichtigste ist, dass ihr den Termin gut ertragen könnt. Ich war letztens beim Frauenarzt - es hat mir extrem geholfen, dass ich während der Untersuchung auf einem Ohr Musik hören konnte. Das hat mich beruhigt und ich konnte es deutlich besser aushalten. 

- Informiert den Arzt/die Ärztin vorab über eure Besonderheiten. 

Je besser euer behandelnder Arzt über euch Bescheid weiß, desto besser kann er auch darauf eingehen. Wenn ihr Schwierigkeiten dabei habt, so etwas auszuformulieren, könnt ihr auch auf einen Flyer zurückgreifen, den die Uni Jena direkt für Ärzte entwickelt hat:

http://www.autismus.uni-jena.de/wp-content/uploads/2017/03/AFK_Faltblatt_Allgmed.pdf

Vermutlich trifft nicht alles was in dem Flyer steht, auf euch zu. Ihr solltet euch ihn also unbedingt vorab durchlesen und möglicherweise das, was auf euch zutrifft hervorheben und ein paar zusätzliche Informationen auf einem Extrablatt dazu schreiben. 

Wichtig ist, wenn ihr krank seid, geht zum Arzt. Auch wenn Arztbesuche für euch sehr anstrengend und unangenehm sind - ihr habt nur einen Körper. Und den müsst ihr gut behandeln, wozu eben manchmal auch gehört, dass man Hilfe von einem Mediziner in Anspruch nehmen müsst, weil ihr z. B. Medikamente braucht. Für fast alles gibt es eine Lösung! Ihr müsst nur darüber sprechen/schreiben.

Habt einen schönen Tag und bleibt gesund!
Anne




Quelle Symbolbild: https://www.tagblatt.ch/leben/wann-brauche-ich-ein-arztzeugnis-7-fragen-zur-krankheit-am-arbeitsplatz-ld.1346321

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